Industriemuseum Nürnberg
Nürnberg war schon immer ein Fleckchen Erde, von wo aus großartige Persönlichkeiten wirkten. Ob Grundig, Quelle oder Siemens, wichtige Impulse in Sachen Technik und Innovation gingen von dieser Metropole aus. Im Nürnberger ›Museum Industriekultur‹ kann man den Atem dieser Zeit in einer großartig angelegten Sammlung spüren.
Der Wohlstand von Nationen begründet sich entweder auf die vorhandenen Bodenschätze oder auf den Fleiß und das Wissen der Bevölkerung. In Deutschland ist Letzteres der Fall, da Bodenschätze, bis auf die reichlich vorhandene Kohle, eher Mangelware sind. Doch Wissen ist nicht alles, um zu großem Erfolg zu kommen.
Dazu bedarf es noch Mut, gepaart mit den passenden Rahmenbedingungen. Und in Nürnberg hat viel gepasst, damit sich Pioniere aufmachen konnten, neue Produkte und Dienstleistungen auf den Weg zu bringen.Im Museum Industriekultur sind die Meilensteine versammelt, die das Wirken dieser Pioniere dokumentieren. Wer dieses Museum noch nie besucht hat, ist ob der hochinteressanten Exponate schwer beeindruckt.
Das fängt schon mit dem Gebäude an: Das Museum hat sich im ehemaligen Eisenwerk Julius Tafel häuslich eingerichtet. Dieses Unternehmen war dank eines selbst entwickelten Verfahrens zur Wiederaufbereitung von Eisenschrott sowie der Produktion von Schrauben jahrzehntelang einer der wichtigsten Zulieferer der eisenverarbeitenden Industrie in Nürnberg. Leider musste es 1975 seine Pforten schließen, nachdem in den 1970er Jahren die gesamte deutsche Stahlindustrie in eine schwere Krise geraten war.
Vom ehemals sehr großen Gelände hat das Museum die Halle einer Schraubenfabrik in Besitz genommen und präsentiert hier auf 6 000 Quadratmeter Fläche die technische Geschichte Nürnbergs. Wenn es um Technik geht, darf natürlich die Schule nicht ausgeklammert werden, denn nur die qualifizierte Weitergabe von Wissen garantiert, dass Technik weiterhin beherrscht wird. Daher ist das ebenfalls sehr interessante Nürnberger Schulmuseum mit angegliedert.
Es empfiehlt sich sehr, zunächst dem Schulmuseum einen Besuch abzustatten, denn bereits im Vorraum auf dem Weg zum Schulmuseum sind Exponate zu sehen, die der Technik einen gewaltigen Schub verliehen haben. So gibt es beispielsweise den Nachbau der ersten tragbaren Uhr von Peter Henlein zu bewundern, die dieser 1510 baute. Auch vor dem Original eines Schraubzirkels aus dem 17. Jahrhundert bleibt man länger stehen, da die handwerkliche Ausführung dieses Unikats Bewunderung hervorruft.
Beim Weitergehen zieht ein im Original erhaltenes Rechenbuch von 1776 interessierte Blicke auf sich, das zusammen mit einem „Rechentuch“ und einem „Rechentisch“ wissbegierige Schüler in die Welt der Mathematik einführte. Ohne Schulen wäre der Reichtum Deutschlands undenkbar. Dies erkannten schon früh wache Persönlichkeiten, wie etwa Johann Amos Comenius, der bereits im 16. Jahrhundert forderte, alle alles zu lehren.
Diesem Ruf folgend, konnte bald darauf der Anteil, der des Lesens und Schreibens Kundigen auf etwa 40 bis 50 Prozent gesteigert werden.In der Folge machten sich gewaltige technische Fortschritte bemerkbar. Eine Eisenindustrie ist ohne Mathematik und technisches Wissen ebenso wenig denkbar, wie eine Schraubenfabrik, ein Motorrad oder die Nutzung von Strom. Diesbezüglich gibt es im Museum jede Menge zu entdecken.
Sehr erfreulich, dass diese Raritäten von den Museums-Machern zum größten Teil nicht hinter Glas versteckt werden, sondern diese vorführbereit sind. Zu diesem Zweck werden drei Mittelwellensender mit sehr geringer Leistung betrieben, die alle Radios im Museum mit passender Musik versorgen.
Für einen vierten Sender wurde sogar die Genehmigung eingeholt, diesen mit mehr Leistung zu betreiben. Dieser Sender strahlt derzeit täglich von 14 bis 22 Uhr ein Testprogramm ab, das etwa 20 Kilometer rund um Cham empfangen werden kann. Die dazu nötige Technik wurde seinerzeit vom Bayerischen Rundfunk gestiftet, wozu auch eine komplette Studioeinrichtung gehörte, die heute für die Sendung genutzt wird. Den Wunsch der Bürger nach Musik und Informationen haben sehr viele – heute zum größten Teil unbekannte und verschwundene – Unternehmen versucht zu erfüllen, und sich einen Platz auf dem Radiomarkt zu erobern.
So gab es beispielsweise in Cham das Unternehmen ›>Elektrophysikalischer-Apparatebau‹, das unter dem Namen ›Elpha‹ in der Zeit von 1948 bis 1952 unter anderem ein Radio mit der Typenbezeichnung ›GW318‹ produzierte.
Leider konnten sehr viele, auch namhafte Unternehmen gegen die zunehmende Konkurrenz aus Fernost nicht bestehen und musste schließen. In Cham sind die Highlights dieser Unternehmen jedoch noch immer putzmunter und warten darauf, erneut entdeckt zu werden. Ob Grundig, Saba, Telefunken, Nordmende, Schaub oder Körting – zahlreiche Modelle dieser ehemals großen Produzenten lassen Kenneraugen leuchten und laden zum längeren Verweilen ein.
Leuchtende Augen wird es nicht zuletzt bei den Grundig-Produkten geben, die es im Museum in großer Zahl zu sehen gibt. Ob Radiobausatz ›Heinzelmann‹, Kurzwellen-Empfänger der Satellit-Baureihe oder Videorekorder mit VHS- oder Video 2000-System – es gibt sehr viel, was es an sehenswerter Technik von Grundig zu entdecken gibt. Dem Museumsbesucher wird sicher auch der Nachbau einer Nipkow-Anlage ins Auge fallen, der in der Fernsehabteilung anschaulich das von Paul Nipkow entdeckte Prinzip der mechanischen Bildzerlegung zeigt. Nach ausführlicher Begutachtung dieses Exponats wird die prinzipielle Funktion des Fernsehens verständlich.
Ein richtig kleiner Straßenzug mit allerlei Geschäften lässt das Leben im alten Nürnberg wieder ein wenig auferstehen. Wer das Vereinslokal verlässt, stößt auf das Kaufhaus Schocken, schlendert an einem Fahrradladen vorbei und kann in einem Schaufenster Haushaltsgeräte aus Muttis Jugendzeit studieren.
Mit der Verbreitung des Stroms gingen auch für Nürnberg viele Lichter an. Ganz besonders hell strahlen Namen wie AEG, TeKaDe, Grundig oder Siemens, die in und um Nürnberg für zahlreiche Arbeitsplätze durch den Bau von Telekommunikationssystemen, Haushaltsgeräten, Radios und Fernsehern sowie Computern und Steuerungen sorgten. Das Museum bietet einen hochinteressanten Querschnitt von Produkten dieser Unternehmen.
In einer Vitrine wird man schmerzlich daran erinnert, dass zahlreiche Erfindungen zwar in Deutschland ersonnen werden, diese jedoch oft die Geldsäckel ausländischer Unternehmen füllen, da nur dort das Potenzial des Produkts erkannt wird. So erging es beispielsweise dem heute in aller Welt genutzten MP3-Format, das in Nürnberg das Licht der Musikwelt erblickte. Zumindest die Steuerungstechnik ist jedoch noch fest in der Hand von „Nürnbergern“, denn Siemens hat sich mit bester Technik ein großes Stück des weltweiten Steuerungsmarktes gesichert.
Mitmach-Modelle zeigen plastisch, wie Chips funktionieren und wie Elektronengehirne rechnen. Insbesondere für die ganz Kleinen ist das Museum daher bestens geeignet, Wissen auf spielerische Art zu erwerben. Erinnerungen werden hingegen bei den Vätern wach, die sich die Sammlung alter Radio- und Fernsehgeräte ansehen und bei deren Betrachtung auch auf die ein wenig versteckten Computer aus der grauen Vorzeit der EDV stoßen. Osborne 1, Epson HX-20, Commodore C64, Apple Lisa und Atari 520 ST sind nur einige Modelle, die sich hier in Reih und Glied dem Besucher präsentieren. Von so manchem Modell war man einst selbst stolzer Besitzer und hat es leichtsinnigerweise dem Flohmarkt überreicht, nachdem eine Neuanschaffung ins Haus kam.
Auch die wenigen, doch hochklassigen Kraftfahrzeuge begeistern. Sind darunter doch Raritäten, die man anderswo vergeblich sucht. Beispielsweise gibt es hier ein Zündapp KS 600-Feuerwehrgespann von 1939 zu sehen, das denjenigen Besucher überrascht, der nie vermutet hatte, dass Motorräder je von der Feuerwehr genutzt wurden. Wer wusste, dass Faun, heute ein Hersteller schwerer Nutzfahrzeuge, von 1921 bis 1928 auch Personenwagen baute? In Nürnberg kann man durch Inaugenscheinnahme des Faun 4/26 aus dem Jahre 1924 diese Wissenslücke schließen.
Wer weiterschreitet, wird sehr überrascht sein, gleich fünf Fahrzeuge von Maurer zu sehen, einem Hersteller, der heute so gut wie unbekannt ist. Kein Wunder, sind doch weltweit nur mehr 13 Fahrzeuge aus der Werkhalle dieses Autopioniers erhalten.Unbedingt sollte der Besucher auch das begehbare Depot besuchen, wo weitere Schmuckstücke darauf warten, entdeckt zu werden. Hier stößt man etwa auf den wunderschönen Prototyp des wassergekühlten Sachs Roadster 800-Motorrades, das von 2000 bis 2004 gebaut wurde.
Wer sich umdreht, erblickt ein Regal, in dem mechanische Rechenmaschinen bis zum Abwinken aufgereiht sind. Und weiter hinten stehen noch zahlreiche Werkzeugmaschinen, die ebenfalls der Entdeckung harren. So langsam reift die Erkenntnis, dass man das Museum nochmals besuchen muss, da noch lange nicht alle technischen Schmankerl zu ihrem Recht gekommen sind..