Druckereimuseum Sandkrug
Im Norden Deutschlands haben viele Zeitschriften ihre Heimat. Kein Wunder, dass hier das Druckgewerbe eine große Bedeutung besitzt. Wer sich dafür interessierte, konnte bis 2016 den Ort Sandkrug bei Oldenburg aufsuchen, da dort ein Druckereimuseum seine Heimat hatte, das diesbezüglich umfassend informierte.
Bücher waren in grauer Vorzeit echte Raritäten, da diese in der Regel von Hand geschrieben wurden. Um vorhandene Bücher zu vervielfältigen, wurden insbesondere in Klöstern sogenannte Schreibstuben, auch Skriptorium genannt, eingerichtet, in denen Mönche in mühevoller handschriftlicher Kleinarbeit Seite für Seite ein Buch kopierten. Solcherart hergestellte Bücher waren rar und daher teuer, weshalb sich diese nur betuchte Häupter leisten konnten, die nicht selten auch noch das Verbrauchsmaterial, wie etwa Blattgold oder Pigmente zur Verfügung stellen mussten.
Mühsame Handarbeit war nicht immer angesagt, denn bereits um das Jahr 581 n. Chr. kannten die Chinesen geschnitzte Holztafeln, mit denen sie einzelne Blätter drucken konnten. Bewegliche Lettern wurden von den Chinesen schon im 11. Jahrhundert genutzt.
Geschichtsforscher vermuten, dass in Korea bereits im Jahre 1232 einzeln geschnittene Lettern aus Metall Einsatz fanden. Die Bayerische Staatsbibliothek besitzt sogar einen Arzneimittelkatalog, der 1433 im Auftrag eines Königs Sejong mit aus Ton hergestellten Lettern gedruckt wurde.
Ob Johannes Gutenberg von diesen Dingen wusste, ist unbekannt. Jedenfalls war es ihm 1450 gelungen, mit beweglichen Metalllettern in Europa den Buchdruck zu revolutionieren. Doch ist dies noch nicht alles, was er erdachte. Er ersann auch die Druckerpresse, eine ölhaltige, hinreichend zähflüssige Tinte sowie eine Legierung aus Zinn, Blei und Antimon, die nach Erhitzen in ein ebenfalls von ihm entwickeltes Handgießinstrument floß, dort erstarrte und so die Metalllettern erzeugte. Diese Metallettern waren es, die dafür sorgten, dass Bücher in immer größerer Zahl hergestellt werden konnten und sich diese durch die Massenfertigung nun auch weniger reiche Bürger leisten konnten. In der Folge dieser technischen Revolution lernten immer mehr Bürger lesen und schreiben.
Im Druckereimuseum Sandkrug kann man die Lettern, die die Welt veränderten, selbst in die Hand nehmen und ihre Genialität auf sich wirken lassen. Das Museum besitzt im Untergeschoss eine unglaubliche Zahl davon. Inmitten der Originaleinrichtung einer Druckerei fühlt man sich rasch wie ein echter Buchdrucker. Hautnah bekommt man vermittelt, dass dieser Beruf einiges abverlangte und auch heute noch abverlangt, wenn sich auch die Technik stark gewandelt hat.
Da der Buchdruck vielfältige Anforderungen stellte, entstanden neue Berufe: Schriftsetzer, Buchdrucker und Buchbinder sind die bekanntesten davon. Der Schriftsetzer musste nicht nur die Lettern aneinanderreihen, sondern auch gut rechnen, lesen und schreiben können. Schließlich galt es, die zu druckende Seite ansprechend aufzuteilen und zu gestalten, den Text selbst in Spiegelschrift korrekt zu setzen.
Zudem war handwerkliches Geschick gefragt, da gesetzte Seiten schon einmal auf einer Tischkreissäge oder mittels eines besonderen Hobels auf Maß passgenau zugeschnitten werden mussten. Wer sich darunter nun überhaupt nichts vorstellen kann, ist im Museum richtig aufgehoben, da diese Gerätschaften selbstverständlich ausgestellt werden.
Diese Handarbeit wurde bald einfacher, da helle Köpfe sich aufmachten, Maschinen zu erfinden, die den Satz vereinfachten. 1888 baute beispielsweise der Amerikaner John R. Rogers eine Zeilensetz- und Gießmaschine, die wegen ihrer Funktionalität später auch in Deutschland in Lizenz produziert wurde. Etwa um die gleiche Zeit entwickelte der nach Amerika ausgewanderte deutsche Uhrmachergehilfe Ottmar Mergenthaler eine Zeilengußsetzmaschine, die sich rasch im Zeitungssatz durchsetzte. Ihr Name: Linotype.
Diese Maschine war genial konstruiert und ermöglichte per Tastendruck die Produktion von Gusslettern in einer Zeile. Im Museum kann diese sogar in Betrieb bewundert werden. Hier bleibt man gerne länger stehen, da die sich bewegende umfangreiche Mechanik eine große Faszination ausübt, der man sich gerne hingibt. Die manuell getätigten Eingaben in die Linotype-Maschine wurden nach dessen Aufkommen bald vom Lochstreifen ersetzt.
Nun war es möglich, an einem eigenen Arbeitsplatz den Text für die Setzmaschine zu erstellen und auf dem Lochstreifen abzuspeichern. Dieser wurde bei Bedarf einfach durchs Lesegerät hindurch abgespult und so die Zeilen fehlerfrei erstellt. Die Technik hat sich im Druckgewerbe rasch weiterentwickelt, was im Museum anschaulich dokumentiert wird. In unmittelbarer Nähe zum Linotype-Oldtimer grüßt beispielsweise eine ›CRTronic 340‹ aus den 1980er Jahren herüber. Hier wurde bereits per Computer der Text erfasst. Allerdings musste der Setzer noch seine Fantasie bemühen, da der Text, anders als bei heutigen Textverarbeitungsprogrammen, lediglich von Steuerzeichen begleitet wurde, die dem Filmbelichter sagten, wie der Text auszusehen hat.
Ganzseitendarstellung in ›Wysiwyg‹ (What You see is what You get) war damals noch ein Fremdwort. Das änderte sich mit dem ›Typeview 300‹. Dies war ein Monitor, der vorab sichtbar machte, was der Setzer in die CRTronic 340 eingegeben hatte. Heute haben sich in diesem Bereich nicht nur die Arbeitsmittel gewandelt, sondern auch die Berufsbezeichnungen. Mediengestalter sind gegenwärtig dort zu finden, wo früher die Schriftsetzer residierten.
Allerdings wird kein Blei mehr geschmolzen oder eine lärmende Maschine bedient. Leise wird lediglich das Surren eines Mac-Computers vernommen, der von einem Linotype-Scanner gefüttert wird und in dem Bild und Text zum Gesamtwerk verschmelzen. Heute können Text und Bilder gemeinsam per DTP-Programm platziert werden. Aufs Papier kommt alles so, wie es am Monitor erstellt wurde.
Auch die Herstellung von gegossenen Druckplatten wird in Sandkrug an Originalmaschinen sehr anschaulich demonstriert. Hier lohnen sogar mehrere Blicke auf das interessante Verfahren.
Doch mit dem Druck ist das Buch noch lange nicht fertig. Die einzelnen Blätter müssen auch noch zu einem Buch gebunden werden. Auch dazu gibt es im Museum Interessantes zu sehen. Hier wird aus Platzgründen zwar nicht gezeigt, wie industriell Massendrucksachen gebunden werden, doch wird in Sandkrug sehr schön präsentiert, wie kleine Serien oder einzelne Bücher vom Buchbinder gebunden werden. Dabei ist große Konzentration bereits beim Zusammentragen der einzelnen Blätter nötig. Wer hier nicht aufpasst, bindet Seiten in der falschen Reihenfolge oder sogar auf dem Kopf stehend zusammen.
Einzelne Blätter werden in der Regel per Klebebindung zusammengefügt. In der sogenannten Heftlade werden hingegen gefalzte Blätter auf Bänder oder auf Kordel geheftet. Dies ist ein aufwändiges Verfahren, weshalb es nur für hochwertige Bücher verwendet wird. Damit die einzelnen Seiten sicher fixiert sind, wird auf den Rücken Leim aufgetragen. In der Regel kommen hier Dispersions- oder Heißschmelzkleber zum Einsatz. Für historische oder wertvolle Bücher verwendet man jedoch ausschließlich Klebstoffe pflanzlicher oder tierischer Herkunft, um nachteilige chemische oder mechanische Effekte auszuschließen.
Eine besondere Kunst ist das Runden des Buches. Dies ist nötig, damit sich ein Buch gut handhaben und umblättern lässt. Zu diesem Zweck wird das Buch auf eine feste Unterlage gelegt und mit dem Hammer der Buchrücken in die gewünschte Richtung geschlagen. Dies ist für einzelne Bücher eine durchaus akzeptable Methode, für Serien jedoch ungeeignet. Daher haben findige Konstrukteure sogenannte Rückenrundemaschinen ersonnen, die diesen Arbeitsgang beschleunigen und erleichtern.
Solch eine Maschine gab es natürlich auch im Museum zu besichtigen. Von der Arbeit mit einzelnen Lettern über den Computersatz bis zum Binden der einzelnen Blätter zu einem Buch reichte damals der spannende Bogen des Druckereimuseums. Schade, dass es seit 2016 geschlossen ist.