Luftfahrtmuseum Wernigerode
Wer sich dafür interessiert, die technischen Klimmzüge der Konstrukteure kennenzulernen, Flugzeuge und Hubschrauber sicher in die Luft zu bekommen und dort zu halten, der sollte unbedingt dem Luftfahrtmuseum in Wernigerode einen Besuch abstatten.
Technische Museen geben sich in der Regel viel Mühe, ihre Exponate optimal zu präsentieren und deren Funktion zu erläutern. Hier macht das Luftfahrtmuseum Wernigerode keine Ausnahme. Erfreut stellt der Besucher fest, dass viele Ausstellungsstücke weder durch Glaskästen noch durch Absperrbänder sich einer genaueren Betrachtung entziehen. Hier ist der Holzaufbau des Flügels sowie des Rahmens der ersten Flugzeuge ebenso ausführlich erforschbar wie die Aufhängung des Sternmotors eines Agrarflugzeugs sowjetischer Bauart.
Mit Staunen reift während des Museumsrundgangs dank dieser uneingeschränkten Betrachtungsmöglichkeit auch bei Laien die Erkenntnis, dass größte Kräfte von verhältnismäßig kleinen Norm- und Konstruktionsteilen zuverlässig aufgenommen werden und ausschließlich leichtes Material zum Bau von Flugzeugen verwendet wird. Die Verwendung möglichst zugfester Befestigungsteile und leichter Materialien ist beim Bau von Luftfahrtzeugen eine zwingende Notwendigkeit.
Wie bei den Zeppelinen haben Flugzeugkonstrukteure die Aufgabe, möglichst viel Gewicht zu sparen, damit das Flugzeug sich überhaupt in die Luft bewegt und dabei möglichst wenig Treibstoff verbraucht. Leichtbau ist daher angesagt, weshalb Titan, Aluminium, Holz und Kunststoff überall dort zum Einsatz kommen, wo dies möglich ist.
Wie wichtig Leichtbau in der Luftfahrt ist, zeigt der Nachbau des Jatho-Drachen von 1907. Damals war man sich der Wichtigkeit von möglichst geringem Gewicht für das Fluggerät noch nicht im Klaren, weshalb der Rahmen aus Stahlrohr hergestellt wurde. Überraschenderweise soll sich das Flugzeug nach Zeugenaussagen beziehungsweise den Informationen in Karl Jathos Tagebuch in einer anderen Modellversion bereits im Jahre 1903 in die Lüfte erhoben haben, was den Gebrüdern Wright den Erstflugtitel streitig machen würde.
Die Angaben konnten jedoch nicht eindeutig bestätigt werden, da der Verbleib der beglaubigten Zeugenaussagen nicht geklärt ist. Zudem erhob sich der im Museum stehende Nachbau im Jahre 2006 nicht vom Boden. Der Titel des ersten Motorflugs bleibt daher bis auf Weiteres jenseits des Atlantiks den Gebrüdern Wright erhalten. Mit der Bücker Jungmann besitzt das Museum einen Nachbau des 1934 gebauten Doppeldecker-Klassikers, der auch heute noch von Freizeitpiloten gerne geflogen wird.
Mit nur 125 PS und 183 km/h Reisegeschwindigkeit ist dieses Flugzeug für die Luft wohl das, was eine Harley-Davidson für die Straße ist: Entspannung für Genießer, die gemütlich über die Landschaft schweben wollen.Mit der ›Aero Ae-45‹ bekommen Besucher ein für heutige Maßstäbe kurioses Stück Luftfahrtgeschichte zu sehen. Mit diesem bis zu drei Passagiere fassenden Flugzeug versuchte die damalige DDR-Lufthansa, einen Kurzstreckenflugbetrieb aufzubauen. Letztlich mit wenig Erfolg, weshalb die Flugzeuge ab Ende der 1950er Jahre nach und nach von den Luftstreitkräften der DDR übernommen wurden.
Mit der Antonow AN-2 besitzt das Museum ein erstmals 1947 in der Sowjetunion gebautes, erstaunlich großes Flugzeug, das dank seiner robusten Technik für Agrar- und Militärzwecke auch heute noch zum Einsatz kommt. Direkt neben dem Flugzeug kann anhand eines Cockpitteils samt offenem Motor ergründet werden, was das Flugzeug so ungewöhnlich robust macht: Die Motoraufhängung kommt mit nur vier Streben aus.
Alle statischen und dynamischen Kräfte, die der 1 000 PS leistende Sternmotor mit seinen neun Zylindern erzeugt, werden von nur vier Bolzen aufgenommen. Und wo wenig Bauteile sind, ist eine Reparatur mit einfachen Werkzeugen selbst in abgelegenen Landesteilen problemlos möglich.
Beim Rundgang durch das Museum kommt der Besucher an vielen Exponaten vorbei, die zu einem längeren Verweilen einladen. Hier gibt es zum Beispiel den Motor aus einer Focke-Wulf 190D zu bestaunen, der aus einem Absturz stammt. Beim Betrachten des Schaustücks stellt sich der Besucher unwillkürlich die Frage, was wohl aus dem Piloten geworden ist, der damals mit seinem Flugzeug abstürzte.
Dicht an dicht sind in den Hallen Sehenswürdigkeit an Sehenswürdigkeit gereiht: Hier die Szene einer Rettungsaktion per Hubschrauber, dort das gewaltige Triebwerk einer Bréguet Atlantic, das mit interessanter Technik und mächtigen Propellerblättern auf sich aufmerksam macht. Ein Holzflugzeugbausatz will bestaunt und die Geschichte eines in der DDR heimlich gebauten Tragschraubers gelesen sein – wer nach Wernigerode kommt, muss Zeit mitbringen.
Zeit sollte insbesondere auch in die Erforschung des hochinteressanten Schaumodells für eine Hubschraubersteuerung investiert werden. Hier kann bestens nachverfolgt werden, wie raffiniert das Gestänge konstruiert ist, das die Handbewegungen des Hubschrauberpiloten vom Steuerknüppel auf die Rotorblätter überträgt. Anschaulich wird auf außergewöhnliche Weise demonstriert, wie erfinderisch Konstrukteure sein müssen, um Fluggeräte zu bauen.
Ähnliches kann von weiteren Anschauungsmodellen gesagt werden. Beispielsweise wird gezeigt, wie der Schleudersitz eines modernen Kampfflugzeugs funktioniert oder kann ergründet werden, auf welche Weise Düsentriebwerke arbeiten. Wer sich deren Arbeitsweise genau ansieht, kann nachvollziehen, dass sich deren Funktionsprinzip weit einfacher darstellt, als dasjenige von Kolbenmotoren. Zudem wird auf diese Weise vermittelt, dass einfachere Technik nicht zwangsläufig leistungsschwächer sein muss.
Im Fall der Düsentriebwerke ist sogar das Gegenteil der Fall! Für Verwirrung sorgen lediglich die Verdichterschaufeln, die den Eindruck einer komplizierten Technik vermitteln. In Wahrheit kommen Düsentriebwerke mit relativ wenig Bauteilen aus. Zudem sind damit bestückte Flugzeuge durch den Wegfall der bremsenden Luftschrauben wesentlich schneller und leistungsstärker. Ein konstruktiver Glücktreffer des Erfinders Hans Joachim Pabst von Ohain, der das Düsentriebwerk im Jahre 1937 erfand. Bereits am 27. August 1939 erhob sich mit der Heinkel He 178 das erste düsengetriebene Flugzeug in die Lüfte.
Überhaupt wird die Automobilgeschichte von Zwickau sehr umfassend geschildert. So kann hier nachvollzogen werden, was nach dem 2. Weltkrieg geschah: Die Alliierten liquidierten alle Unternehmen in Staatsbesitz. Aus den Resten werden die Motorradwerke Zschopau, der Volkseigene Betrieb Sachsenring, das Automobilwerk Zwickau und der Lastwagenbauer Barkas.
Auch diese Geschichte wird im Horch-Museum umfassend geschildert. Es ist daher nahezu unmöglich, ohne Pause an einem einzigen Tag das Museum zu ergründen. Zu viele Exponate sind zu besichtigen, die zu längerem Verweilen einladen. Insbesondere Besucher aus dem Westen Deutschlands werden länger als geplant die damals gebauten Ost-Modelle begutachten, die heute vielfach nicht mehr im Straßenbild zugegen sind. Dazu gehört zum Beispiel der Trabant, der zu DDR-Zeiten praktisch das östliche Pendant zum westlichen VW-Käfer war.
Hier kann sehr schön nachvollzogen werden, was ein Mangel an Werkstoffen in den Köpfen derjenigen bewirkt, die die Aufgabe haben, den Mangel auszugleichen. Mit großer Fantasie wurde zum Beispiel Ersatz für fehlende Feinbleche gesucht und in Duroplast gefunden. Damit war es möglich, Karosserieteile herzustellen, die sogar den West-Modellen bezüglich eines großen Problems den Rang abliefen: Rost war bei diesem Werkstoff kein Thema.
Dem Schleudersitz wird sogar eine eigene kleine Abteilung gewidmet. Hier können die unterschiedlichsten Originale aus wegweisenden Flugzeugtypen bewundert werden: F86 Sabre, T33, F104 Starfighter, MIG21, MIG 29, F4 Phantom oder Senkrechtstarter Harrier – alles was Rang und Namen hat, ist hier vertreten. Ein in Endlosschleife laufendes Video zeigt anschaulich, wie wertvoll Schleudersitze sind und auf welche Weise deren Technik funktioniert.
Ganz ohne Schleudersitz kommt man im Flugsimulator aus, dessen Benutzung jedem Besucher empfohlen werden kann. Das Erlebnis, ein eigenes Flugzeug zu landen, wird in dieser beeindruckenden Anlage derart real vermittelt, dass sich rasch eine echte Begeisterung für das Fliegen einstellt.
Wer in Wernigerode in Sachen ›Luftfahrt‹ auf den Geschmack gekommen ist und sich für zuhause eine kleine Erinnerung mitnehmen möchte, der kann aus einem großen Fundus an Helmen, Instrumenten und sonstigen Gegenständen wählen. Womöglich mündet die Flugbegeisterung in ein neues Hobby, das Herrn Clemens Aulich, den Gründer des Museums, seit seiner Kindheit begleitet. Es muss ja nicht gleich ein eigenes Museum sein. Schon ein eigener Flugsimulator im heimischen Hobbykeller ist eine Investition, von der die ganze Familie etwas hat.